Warum die maritime Industrie eine Wachstumsbranche für Norddeutschland ist

Von Christoph Ploß

Hamburg. Der Maritime Koordinator Christoph Ploß rechnet mit über 100.000 zusätzlichen Arbeitsplätzen in der maritimen Industrie.

„It’s the economy, stupid!“ (Es ist die Wirtschaft, Dummkopf!) – Bill Clintons legendärer Satz aus dem US-Wahlkampf 1992 sollte zum Ausdruck bringen, dass es für politische Entscheidungsträger vor allem darauf ankommt, die wirtschaftliche Lage zu verbessern. Diese Aussage ist aktueller denn je: Wenn eine Volkswirtschaft stagniert, besteht die Gefahr, dass harte Verteilungskämpfe ausbrechen, da zu wenig Geld für Bildung, Infrastruktur, Forschung oder Sicherheit vorhanden ist.   Eine Kernaufgabe für alle Verantwortlichen ist es daher, wieder für Wirtschaftswachstum in Deutschland zu sorgen. Doch woher kann Wachstum kommen? Eine Antwort darauf liefert der Norden, die maritime Industrie: Während vor Jahren immer wieder Schlagzeilen über Werftensterben die Runde machten und manche schon den Abgesang auf den deutschen Schiffbau anstimmten, zeigt sich heute ein völlig anderes Bild. Angesichts der weltweiten Bedrohungen, der geopolitischen Entwicklungen und der zunehmenden Bedeutung der Meere für Handel und Energieversorgung investieren immer mehr Staaten und Unternehmen in Fahrzeuge und Sicherheit über und unter Wasser.

Die Industrie im Norden profitiert vom globalen maritimen Trend

Die Vielfalt ist groß: So finden sich Technologien, mit denen die Straße von Hormus von Minen geräumt wird, und U-Boote, die für Sicherheit sorgen und Rohstoffe entdecken, ebenso wie Unterwasser-Drohnen, die Daten in den Meeren sammeln oder Gewässer von Munitionsaltlasten befreien. Auch Spezialschiffe, Konverterstationen für die Offshore-Windkraft sowie Kreuzfahrtschiffe und Yachten werden immer stärker nachgefragt. Weltweit werden maritime Technologien benötigt. Staaten wie Brasilien, Singapur oder Indonesien brauchen Schiffe, um ihre Küstengewässer zu erforschen und zu sichern; die USA haben angekündigt, stärker in ihre Marine zu investieren. Die Industrie im Norden Deutschlands hält für all diese Aufgaben die passenden Lösungen bereit – auch dank des maritimen Forschungsprogramms der Bundesregierung. Dieses hilft Werften und vielen weiteren Firmen in der Zulieferindustrie, innovative, komplexe Produkte mit großem Hightech-Anteil zu entwickeln. Auf der Grundlage von Investitionen in Wissenschaft und Forschung entstehen maritime Exportschlager für die ganze Welt. Damit werden nicht nur Arbeitsplätze gesichert, sondern auch neue geschaffen. Ich rechne damit, dass es in der maritimen Industrie in den nächsten fünf bis sechs Jahren über 100.000 zusätzliche (!) Arbeitsplätze geben wird, weil wir mit der schwarz-roten Koalition die richtigen politischen Weichenstellungen vornehmen.

Bei Blohm+Voss soll sich die Mitarbeiterzahl in den kommenden Jahren mehr als verdoppeln

An vielen maritimen Standorten wird sich die Mitarbeiterzahl voraussichtlich mehr als verdoppeln, etwa bei Blohm+Voss im Hafen, wo derzeit 550 Menschen arbeiten. In ein paar Jahren dürften dort über 1.200 Menschen tätig sein. Ähnlich positiv sieht es bei TKMS aus. In Wismar wird das Unternehmen die Zahl der Beschäftigten voraussichtlich mehr als verzehnfachen: von 140 auf 1.500 Mitarbeiter bis zum Jahr 2029. Auch an den anderen TKMS-Standorten werden zusätzliche Fachkräfte gesucht. Auch die Flensburger Schiffbau-Gesellschaft (FSG) nimmt wieder Fahrt auf: Nach der Insolvenz startete sie mit 17 Mitarbeitern neu und wird innerhalb weniger Monate wieder 400 Menschen beschäftigen. In Rostock wird sich durch Bau von Konverterstationen bei der Neptun Werft die Mitarbeiterzahl ebenfalls mehr als verdoppeln. Vom Wachstum der Werften werden andere Unternehmen im Norden profitieren. Ein Arbeitsplatz, der in einer deutschen Werft entsteht, schafft mindestens fünf weitere Arbeitsplätze bei anderen Unternehmen. Auch der Hamburger Hafen wird so neuen Schwung erhalten.

Schiffbau erhält Bundesbürgschaften und profitiert von schnelleren Vergaben

Die Bundesregierung treibt diese positive Entwicklung nicht nur mit dem maritimen Forschungsprogramm voran, sondern auch durch die Beschleunigung von Vergabeverfahren und die Aufnahme des Schiffbaus in das Großbürgschaftsprogramm des Bundes. Denn Aufträge hängen häufig daran, ob eine Werft die Finanzierung zu günstigen Konditionen gewährleisten kann. Durch die Aufnahme des Schiffbaus in das Großbürgschaftsprogramm des Bundes können in Zukunft millionen- oder milliardenschwere Projekte in Norddeutschland realisiert werden. Ob der Verband für Schiffbau und Meerestechnik (VSM), die IG Metall oder die schwarz-rote Koalition: Wir zerstreiten uns nicht in unsinnigen Konflikten oder Nebenschauplätzen, sondern arbeiten gemeinsam an dem Ziel, zahlreiche neue Arbeitsplätze in der maritimen Industrie im Norden zu schaffen und damit den Wohlstand und die Sicherheit Deutschlands zu erhöhen. Am Beispiel der maritimen Industrie kann man sehen, was alles in Deutschland möglich ist, wenn verschiedene Gruppen an einem Strang ziehen und ein starkes Team bilden: Aufbruch, Wachstum, Zuversicht, Gemeinsinn und Zukunftsfähigkeit für Deutschland.    
Der Artikel erschien am 21. Juni  2026 im „Hamburger Abendblatt“.
     

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